Heiko Maas fordert insbesondere von Facebook ein Einschreiten gegen hasserfüllte Kommentare, „binnen 24 Stunden“ könnte eine Löschung möglich sein. Doch wer wird – am Ende – wirklich unter der Einschränkung der Meinungsfreiheit zu leiden haben? Laut n-tv.de am 24. November 2015 gab es wohl Einvernehmen: „Ich bin überzeugt, dass dies zur Folge hat: Es werden deutlich mehr kontroverse Inhalte auf Facebook in Deutschland gesperrt“, erklärte Facebook-Sprecherin Tina Kulow.“  „Nachhaltig“, wie es heißt. Das scheint große Zustimmung zu finden, in der Gesellschaft, unter Politikern, mit Sicherheit bei denen, die täglich solche elektronischen Kommentare vorfinden. Nur wie viele sind dies? Wie viele Menschen nehmen diese Kommentare tatsächlich zur Kenntnis? Und reicht für die extremen Fälle das vorhandene Instrumentarium nicht völlig aus?

Kürzlich gab es zu dem Thema eine vielbeachtete Kunstaktion (#nippelstatthetze ) des Fotografen Olli Waldhauer, der den Schauspieler Matthias Weidenhöfer (hassend) und das Model Leila Lowfire (barbusig) für ein Foto posieren ließ, das mit dem Satz versehen war „Eine dieser Personen verstößt gegen die Regeln von Facebook“. Ich hatte dies in einem Forum unter dem Titel „Wie kann man nur so gut aussehen“ so kommentiert, dass man das Nacktfoto löschen müsse, da man sich bei seinem Anblick schlecht fühle, hingegen müsse der Hasskommentar erhalten bleiben, damit man sich mit seiner Meinung gut fühle. Weiterlesen »

Am Wochenende, genauer am Volkstrauertag, an dem der „Opfer der Gewaltherrschaft
aller Nationen“ gedacht wird, gefiel sich der Leiter der Meinungsredaktion der Berliner
Tageszeitung „Der Tagesspiegel“ darin, mit einem „knackigen“ Wort durch die Landschaft zu
pflügen – „Lump“. Die Unverfrorenheit, seinem Beitrag einen Lead mit offensichtlicher Nazi-
Anmutung voranzustellen, belegt, wie sicher er sich ist, damit durchzukommen.

„Wer die Attentate von Paris missbraucht, gegen Flüchtlinge zu wettern, ist ein Lump. Wer die Attentate missbraucht, das Gespräch über die Grenzen der Willkommenskultur zu unterbinden, ist nicht viel anständiger als ein Lump.“

In meinen Kommentaren vom 17. November und 18. November 2015 war nur von diesen Sätzen
die Rede, unter Ausblendung des übrigen Textes. Zwei Sätze, eigentlich nur ein kleines Wort, das
„möglicherweise“ Anstoß erregen „könnte“. Die einen werden dazu „kleinlich“ sagen, die anderen
„ideologisch verblendet“. Nimmt man den Text hinzu, macht es die Sache – noch schlimmer.

1. Blut und Ehre

Wenn die „Ehre“ plötzlich durch die Tür marschiert, sollten Alarmglocken schrillen. Häufig ist
der Tod nicht weit, mal als Mord, mal „auf dem Felde der Ehre“. In der Regel fließt das Blut,
wie in Paris, reichlich. „Die größte Zumutung nach einem Terroranschlag dieser Dimension
besteht darin“, schreibt der Redakteur, „ ihn nicht reflexhaft in die eigene Agenda zu integrieren.
Wer Ermordete politisch instrumentalisiert, entehrt sie.“ Was wie ein unschuldiges Postulat Weiterlesen »

Das Bild der Notleidenden soll weniger der „Idealisierung“ als der Unterscheidung dienen. Dieses
Mittel nutzen Sie auch m. E. mit der Zeichnung „unserer Eliten“. Unzweifelhaft sind weder die einen
gut, weil sie notleidend sind, die anderen schlecht, weil sie „in den Chefetagen“ sitzen.
Diesen beiden gilt jedoch nicht mein Interesse, sondern der seit Jahren gehätschelten Mitte. Dabei
hat sie es geschafft, sich in jeder Beziehung als Opfer eines jeden zu inszenieren; bei der
Beschreibung der Täter unbedingt unter Verwendung von „korrupt“ und „unfähig“. Wie es
tatsächlich um diese Mitte bestellt ist, zeigt schaudernd-beeindruckend das Dossier der Zeit N° 6
„Die Kassierer“. Dabei sind Auswüchse nicht in der schwäbischen Provinz zu finden, sondern im
sozialdemokratischen, (einst) mit Gewerbesteuern überhäuften Wolfsburg. Es ist die bekannte
Geschichte vom Fischer und seiner Frau, niemand ruft „jetzt reicht‘s“, sondern nur „Buttje, Buttje
inne See“.

Es sind diese „Hartleibigen“, aus denen gegenwärtig zu oft der Geist der Ablehnung, der
Verhöhnung und Verachtung kriecht und befördert wird. Während die Politik sich dieser Mitte
anzudienen versucht, sie mal „Besorgte“, mal „Anständige“, mal „Vernünftige“ nennt, lässt man nie
einen Zweifel daran, dass dort „das (Wahl-)Volk“ zu Hause ist.

Den Wohlhabenden“ (den Reichen?) etwas abzunehmen (die danach immer noch genug haben,
um nicht auf Öffentliches angewiesen zu sein), um es an die Notleidenden zu verteilen, dafür reicht
es, schon angesichts der Zahl der jeweils Betroffenen, zu nicht mehr als einem erneuten Almosen.
Wenn, müssen die „Besitzenden“ etwas abgeben, nämlich die „mit ihren Abgaben für den Erhalt
des Sozialstaats“ sorgen. Nur eines nicht: Geld. Sondern Teilhabe an der (Arbeits-)Gesellschaft.
Das „Verschwinden“ von Arbeitsplätzen belegt wohl weniger die Kompetenz ehemaliger Inhaber
oder der Neuankömmlinge, sondern den Anspruch der „Mitte“, das „knapp gewordene Gut“ mit
immer weniger teilen zu wollen.


Erstmals erschienen 09.11.2015 13:17 Uhr im Leserforum (User wp10) – Antwort auf username
Der Tagesspiegel ® 09.11.2015 Die unheimliche Not der anderen
username ist Platzhalter für den tatsächlichen Nutzernamen.

Richtig ist, es „muss Empathie in politisches Denken münden“ (username). Die Begründung, warum dies „unangenehm werden“ muss, wenn man „ein Verantwortungsethiker ist“, bleibt der Kommentar schuldig. Er behauptet implizit, dass die in der Gesellschaft geltende Beschränkung („Die eigene Freiheit endet dort, wo die anderer beeinträchtigt wird“) für Menschen, Staaten außerhalb nicht gelte, bzw. man dafür nicht zuständig sei. Die Verantwortung endet einfach an den „Außengrenzen der EU“. Die eigene Wirkung reicht jedoch deutlich über diese hinaus, so dass die eigene Freiheit darüber hinausreicht. Aber sollen die anderen zusehen, wie sie damit zurechtkommen, können sich ja „schützen“.

Im Gegensatz zur Ansicht vieler steht Politik nicht nur in der Verantwortung des eigenen Volkes, ist nicht bloß Vertreter „unserer Interessen“, sondern in der Pflicht, vielfältige Interessen zu beachten. Ausdruck erhält dies durch Verträge, die zu gegenseitiger Achtung verpflichten. Was Politik – und Wirtschaft – der vergangenen Jahre jedoch kennzeichnet, ist, Verantwortung bereits im Unterzeichnen solcher „papiernen“ Verpflichtungen erschöpft zu sehen, so dass aus diesen weder Anforderungen erwachsen, noch Verstöße erkannt werden.

Dass bei diesem „Vorbild“ das „Volk“ sich gestärkt sieht aufzufordern, damit gefälligst fortzufahren, kann nicht verwundern, gleich, ob dieses Tun auf vielen Feldern ihr Scheitern gerade vorführt. Offensichtlich ist, was längst nicht alle sehen wollen, dass „[…] man fair das teilt, was auf den Tisch kommt“ (username). Das ist keine Einladung „aller“ an unseren Tisch. Es ist die Aufforderung, dort, wo man kann (da wird Politik plötzlich ganz machtlos), dafür zu sorgen, dass alle dort ihren Anteil erhalten. Und erst, wenn alle am Tisch satt sind, man von einem „übrig“ reden kann, das sich verteilen lässt. Das „letzte Stück“ bekommt, wie wir wissen und schmunzelnd zur Kenntnis nehmen, sowieso immer der Gleiche. Und wir neiden es nicht.

(Empathie als Umgangsform mit den Flüchtlingen II)


Erstmals erschienen 08.11.2015 11:52 Uhr im Leserforum (User wp10)
Der Tagesspiegel ® 09.11.2015 Die unheimliche Not der anderen
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