Kurz bevor sich das Jahr 2015 dem Ende zuneigte, überraschte eine Nachricht diejenigen, die in Deutschland, viel mehr noch in München, den Jahresendfeiern entgegenstrebten. Nur wenige Wochen, nachdem ein Terroranschlag mit vielen Toten in Paris zu vermelden war, sah man sich in Bayern „genötigt“, ebenfalls Terroralarm auszurufen. Wenige Tage, nachdem die bayerische Staatsregierung mit einem erneuten Vorstoß gescheitert war, die Grenzen des Landes (selbst) stärker sichern zu wollen. Aber, da nun Polizei Ländersache ist, brauchte man sich wegen des Alarms um die Bundesregierung nicht weiter scheren.

Das war wirklich sehr, sehr knapp

Das war wirklich sehr, sehr knapp

Der Chefredakteur der Berliner Morgenpost hat dieses Ereignis auf eine Weise kommentiert, die man nur „schlicht“ nennen kann. Bewundernd spricht er davon, dass „binnen sieben Minuten“ der Hauptbahnhof geräumt worden sei. Er war sich zudem nicht zu schade, davon zu sprechen, dass „in der bayrischen Hauptstadt […] der Terror islamistischer Extremisten […] verhindert werden“ konnte, als habe man buchstäblich in letzter Sekunde Terroristen aufhalten können. Tatsächlich hat man einen solchen nicht einmal aus der Ferne gesehen. Keine Spur nirgends; nichts, was auch nur auf einen Anschlagsversuch schließen ließe. In den Tagen danach lieferten Sender aus dem Zensur– und Täuschungsverbund ARD die entsprechende Nachricht nach, dass bereits vor Weihnachten ein Iraker in einem Polizeirevier (in Hengasch?) erschienen sei, um dort von möglichen Anschlagsplänen in Deutschland mit namentlich benannten Attentätern zu berichten, die ihm sein Bruder aus dem Irak übermittelt habe.

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IMAGINEPEACE_AYZITBOSTAN_2014Wenn am 20. November 2015 um 10 Uhr für zwei Minuten in ganz Deutschland die Sirenen heulen, werden alle Autos anhalten, die Insassen aussteigen und sich schweigend auf die Straße stellen. Die Fußgänger werden anhalten, und schweigend warten. Die Menschen werden aus den Geschäften kommen und sich schweigend dazustellen. Schüler und Studenten werden den Unterricht, Seminare, Vorlesungen unterbrechen und sich schweigend erheben. Züge werden stoppen. Flugzeuge werden weder landen noch starten. Maschinen werden stoppen. Das ganze Land wird anhalten. Nach dem Ende der Sirenen werden die Menschen weitere drei Minuten schweigen.

Diejenigen, die meinen, provozieren zu müssen, werden ignoriert. Diejenigen, die meinen, dass die das doch verdient haben, werden, nachdem es nach einer Minute immer noch nicht weitergeht, erkennen, dass sie doch in erster Linie vom Terror in der Welt betroffen sind. Und sie werden auf die Straße treten und schweigen. Beschämt, aber auch stolz auf das Land, in dem sie leben, mit Ungläubigen, die andere Menschen aus der Fremde einfach aufnehmen, um ihnen Schutz zu geben. Und die das Leben einfach anhalten, um nicht nur den Opfern zu gedenken, sondern vor allem, um daran zu erinnern, dass dies nicht nur ein Anschlag war, sondern ein Verbrechen gegen alle Menschen.

Und sie werden sich wieder schweigend auf die Straße stellen am 5. Mai 2016, am 24. April 2017, am 12. April 2018, am 2. Mai 2019, am 21. April 2020, am 7. April 2021. Im Gedenken an die Opfer; eben auch in dem Land, das den bislang größten Anschlag zu verantworten hat. Nicht zum Bekenntnis der Schuld, sondern zur Mahnung und zum Ausdruck der Verbundenheit mit allen Menschen. Fünf Minuten, um sich dem weltweiten Krieg und Terror entgegenzustellen, mit der schärfsten Waffe – Schweigen.


Erstmalig erschienen am 14.11.2015 09:19 Uhr im Leserforum
Der Tagesspiegel ® 14.11.2015 Hillary Clinton – Der IS muss besiegt werden in Zeiten des Terrors

Free Download Schriftzug „Imagine Peace“ ayzitbostan.com

Irgendetwas muss Architekt Stephan Braunfels richtig gemacht haben, wenn eine Gruppe junger
Frauen eines seiner Gebäude für wert befindet, als Hintergrund für ein Foto zu dienen, bei dem
die Frauen in einer Reihe aufgestellt auf Kommando hochspringen, um sich gemeinsam auf einem
Foto zu präsentieren. Keines dieser Selfies, möglicherweise noch mit Hilfe einer langen Stange, um
noch mehr aufs Bild zu bannen. Doch so schlimm auch wieder nicht, schließlich ist der
Selbstauslöser keine Erfindung dieser Tage. War der eher unpraktisch, weil häufig die passende
Auflage für den Apparat fehlte.

Es sollte nicht einfach „ein“ Foto werden, sondern ein gutes. Weshalb die Frauen nochmals und
nochmals die Szene wiederholten, um später sich für eines entscheiden zu können, vielleicht für
das, auf welchem das Licht am besten fällt, oder auf dem die lebendigsten Bewegungen zu sehen
sind, was auch immer mit dem Foto zum Ausdruck kommen soll. Vielleicht haben sie auch nur
gewartet, bis der passende Teil der Lichtinstallation Maurizio Nannuccis im Fenster des
Gebäudes gegenüber erscheint:

„Freiheit ist denkbar als Möglichkeit des Handels unter Gleichen / 
Gleichheit ist denkbar als Möglichkeit des Handels für die Freiheit“.

Dass es sich bei diesem Gebäude um das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Deutschen
Bundestags handelt, muss den Frauen in dem Augenblick nicht einmal bekannt gewesen sein.
Vielleicht sind sie aber schon vor ihrem Fototermin – ansonsten vielleicht danach – beim
Spaziergang am Ufer der Spree an einem Bauschild vorbeigekommen, dass die Erweiterung
beschreibt. Der Name des Gebäudes oder seine Funktion dürften mit Sicherheit den Wert des
Fotos nicht schmälern, im Gegenteil.

Als ich den Weg von der Marschallbrücke wieder hinunter zur Spree fuhr, blickte ich nochmals in
Richtung Reichstag. Und erneut sprangen die Frauen mit einem heftigen Satz, nicht ohne einen
auf dieser Seite nicht mehr verständlichen Ruf auszustoßen, in die Luft. Wie könnte man besser der
Toten an diesem Sonntag gedenken als mit einem Ausdruck solcher Freude am Leben.
Einen besseren Ort haben sie sich dafür wirklich nicht aussuchen können, in diesen Zeiten, am
Sonntag zwischen eins und halb zwei.


Erstmals veröffentlicht via twitter.com/WPietschke  23.11.2015  10:03:51

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