Dass „Schengen“ derzeit mächtig unter Druck ist, dürfte kaum einer bestreiten, eher schon, ob
Schengen „fundamental versagt“ hat. Unzweifelhaft auch, dass eine neue, andere Lösung her
muss.

1. Der Raum als Körper

Der von Wolfgang Münchau dargestellte „Schengen-Raum“ orientiert sich an der Vorstellung
eines Körpers. Dieser ist abgeschlossen und endlich.

In diesem Raum kann man sich aufhalten, man kann von außen nach innen wechseln, und
umgekehrt. Darüber hinaus ist mit diesem Raum die Vorstellung eines „Doorkeepers“ verbunden,
jemandem, der entscheidet, wer hinein darf. Das ist gut für die, die hineingelassen werden, und
sich fortan als Mitglied eines mehr oder minder exklusiven Clubs fühlen dürfen. Aus diesem
Verhältnis beziehen beide, Türsteher und Gäste ihr Renommee. Im Gegensatz zum Club sind
Staaten jedoch permanent bevölkert, es gibt „Dauergäste“. Deren Situation gleicht der von
Dauercampern, die sich den Platz mit Saisongästen teilen. Aus der Tatsache, dass sie „ältere
Rechte“ haben, sich „um alles kümmern“, leiten sie gerne gewisse Vorzugsrechte ab.
In solch einem Clubraum kann einem schon einmal die Luft wegbleiben. Bei dem Blick auf
diverse weltweite Brände lässt sich leicht erkennen, dass sowohl Unterhalt und Pflege
notwendig, ebenso wie kein grenzenloser Zustrom möglich sein sollte. Zudem ist durch Anbauten
der Raum so unübersichtlich geworden, dass unmöglich ist den Überblick, die Kontrolle zu
behalten. Weiterlesen »

Das Bild der Notleidenden soll weniger der „Idealisierung“ als der Unterscheidung dienen. Dieses
Mittel nutzen Sie auch m. E. mit der Zeichnung „unserer Eliten“. Unzweifelhaft sind weder die einen
gut, weil sie notleidend sind, die anderen schlecht, weil sie „in den Chefetagen“ sitzen.
Diesen beiden gilt jedoch nicht mein Interesse, sondern der seit Jahren gehätschelten Mitte. Dabei
hat sie es geschafft, sich in jeder Beziehung als Opfer eines jeden zu inszenieren; bei der
Beschreibung der Täter unbedingt unter Verwendung von „korrupt“ und „unfähig“. Wie es
tatsächlich um diese Mitte bestellt ist, zeigt schaudernd-beeindruckend das Dossier der Zeit N° 6
„Die Kassierer“. Dabei sind Auswüchse nicht in der schwäbischen Provinz zu finden, sondern im
sozialdemokratischen, (einst) mit Gewerbesteuern überhäuften Wolfsburg. Es ist die bekannte
Geschichte vom Fischer und seiner Frau, niemand ruft „jetzt reicht‘s“, sondern nur „Buttje, Buttje
inne See“.

Es sind diese „Hartleibigen“, aus denen gegenwärtig zu oft der Geist der Ablehnung, der
Verhöhnung und Verachtung kriecht und befördert wird. Während die Politik sich dieser Mitte
anzudienen versucht, sie mal „Besorgte“, mal „Anständige“, mal „Vernünftige“ nennt, lässt man nie
einen Zweifel daran, dass dort „das (Wahl-)Volk“ zu Hause ist.

Den Wohlhabenden“ (den Reichen?) etwas abzunehmen (die danach immer noch genug haben,
um nicht auf Öffentliches angewiesen zu sein), um es an die Notleidenden zu verteilen, dafür reicht
es, schon angesichts der Zahl der jeweils Betroffenen, zu nicht mehr als einem erneuten Almosen.
Wenn, müssen die „Besitzenden“ etwas abgeben, nämlich die „mit ihren Abgaben für den Erhalt
des Sozialstaats“ sorgen. Nur eines nicht: Geld. Sondern Teilhabe an der (Arbeits-)Gesellschaft.
Das „Verschwinden“ von Arbeitsplätzen belegt wohl weniger die Kompetenz ehemaliger Inhaber
oder der Neuankömmlinge, sondern den Anspruch der „Mitte“, das „knapp gewordene Gut“ mit
immer weniger teilen zu wollen.


Erstmals erschienen 09.11.2015 13:17 Uhr im Leserforum (User wp10) – Antwort auf username
Der Tagesspiegel ® 09.11.2015 Die unheimliche Not der anderen
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