Das Bild der Notleidenden soll weniger der „Idealisierung“ als der Unterscheidung dienen. Dieses
Mittel nutzen Sie auch m. E. mit der Zeichnung „unserer Eliten“. Unzweifelhaft sind weder die einen
gut, weil sie notleidend sind, die anderen schlecht, weil sie „in den Chefetagen“ sitzen.
Diesen beiden gilt jedoch nicht mein Interesse, sondern der seit Jahren gehätschelten Mitte. Dabei
hat sie es geschafft, sich in jeder Beziehung als Opfer eines jeden zu inszenieren; bei der
Beschreibung der Täter unbedingt unter Verwendung von „korrupt“ und „unfähig“. Wie es
tatsächlich um diese Mitte bestellt ist, zeigt schaudernd-beeindruckend das Dossier der Zeit N° 6
„Die Kassierer“. Dabei sind Auswüchse nicht in der schwäbischen Provinz zu finden, sondern im
sozialdemokratischen, (einst) mit Gewerbesteuern überhäuften Wolfsburg. Es ist die bekannte
Geschichte vom Fischer und seiner Frau, niemand ruft „jetzt reicht‘s“, sondern nur „Buttje, Buttje
inne See“.

Es sind diese „Hartleibigen“, aus denen gegenwärtig zu oft der Geist der Ablehnung, der
Verhöhnung und Verachtung kriecht und befördert wird. Während die Politik sich dieser Mitte
anzudienen versucht, sie mal „Besorgte“, mal „Anständige“, mal „Vernünftige“ nennt, lässt man nie
einen Zweifel daran, dass dort „das (Wahl-)Volk“ zu Hause ist.

Den Wohlhabenden“ (den Reichen?) etwas abzunehmen (die danach immer noch genug haben,
um nicht auf Öffentliches angewiesen zu sein), um es an die Notleidenden zu verteilen, dafür reicht
es, schon angesichts der Zahl der jeweils Betroffenen, zu nicht mehr als einem erneuten Almosen.
Wenn, müssen die „Besitzenden“ etwas abgeben, nämlich die „mit ihren Abgaben für den Erhalt
des Sozialstaats“ sorgen. Nur eines nicht: Geld. Sondern Teilhabe an der (Arbeits-)Gesellschaft.
Das „Verschwinden“ von Arbeitsplätzen belegt wohl weniger die Kompetenz ehemaliger Inhaber
oder der Neuankömmlinge, sondern den Anspruch der „Mitte“, das „knapp gewordene Gut“ mit
immer weniger teilen zu wollen.


Erstmals erschienen 09.11.2015 13:17 Uhr im Leserforum (User wp10) – Antwort auf username
Der Tagesspiegel ® 09.11.2015 Die unheimliche Not der anderen
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Dabei sind es, so mein Eindruck, nicht einmal die, für die sie hier das Wort ergreifen, die am lautesten, am vehementesten gegen die Neuankömmlinge wettern. Schließlich weiß man dort noch am ehesten, dass Platz in der kleinsten Hütte, dass einer mehr auch noch satt zu kriegen ist.

Hartleibig zeigen sich vornehmlich diejenigen, die in ihrem Neid, ein anderer könnte unverdient mehr als ein Kanten altes Brot („undankbar“) begehren. So wird aus diesen auch der „Wirtschaftsflüchtling“ (= zu Hause hat er ein Vermögen, hier will er schmarotzen), gegen den sowohl die bisherigen „wirklich Bedürftigen“ und diejenigen, die „ein Recht auf Schutz haben“ aufbegehren sollen. Damit an dieser Konstellation sich möglichst wenig ändert, schafft man Lager, die erst die Probleme schaffen, die in der Folge Anlass bieten zu sagen, man habe ja schon immer darauf hingewiesen. Und man hält möglichst viele (nicht bloß Fremde) davon fern, ihren Teil beitragen zu lassen, um mit Almosen deutlich zu machen, dass sie nicht dazugehören (sollen). Dass es sich um Gnadenakte handelt, die jederzeit geändert, widerrufen werden können. Hier hilft keine Empathie, sondern nur die Anstrengung, ihnen die Fahne aus der Hand zu winden, d. h. sie sowohl von der Macht fernzuhalten wie ihren Anspruch auf das Monopol zu begrenzen, für das „wahre Deutschland“ zu sprechen.

(Empathie als Umgangsform mit den Flüchtlingen III)


Erstmals erschienen 08.11.2015 18:05 Uhr im Leserforum (User wp10) Antwort auf username
Der Tagesspiegel ® 09.11.2015 Die unheimliche Not der anderen
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Die Verlinkungen im letzten Absatz sind in diesem Text nicht enthalten, nur markiert.

 

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