Dass „Schengen“ derzeit mächtig unter Druck ist, dürfte kaum einer bestreiten, eher schon, ob
Schengen „fundamental versagt“ hat. Unzweifelhaft auch, dass eine neue, andere Lösung her
muss.

1. Der Raum als Körper

Der von Wolfgang Münchau dargestellte „Schengen-Raum“ orientiert sich an der Vorstellung
eines Körpers. Dieser ist abgeschlossen und endlich.

In diesem Raum kann man sich aufhalten, man kann von außen nach innen wechseln, und
umgekehrt. Darüber hinaus ist mit diesem Raum die Vorstellung eines „Doorkeepers“ verbunden,
jemandem, der entscheidet, wer hinein darf. Das ist gut für die, die hineingelassen werden, und
sich fortan als Mitglied eines mehr oder minder exklusiven Clubs fühlen dürfen. Aus diesem
Verhältnis beziehen beide, Türsteher und Gäste ihr Renommee. Im Gegensatz zum Club sind
Staaten jedoch permanent bevölkert, es gibt „Dauergäste“. Deren Situation gleicht der von
Dauercampern, die sich den Platz mit Saisongästen teilen. Aus der Tatsache, dass sie „ältere
Rechte“ haben, sich „um alles kümmern“, leiten sie gerne gewisse Vorzugsrechte ab.
In solch einem Clubraum kann einem schon einmal die Luft wegbleiben. Bei dem Blick auf
diverse weltweite Brände lässt sich leicht erkennen, dass sowohl Unterhalt und Pflege
notwendig, ebenso wie kein grenzenloser Zustrom möglich sein sollte. Zudem ist durch Anbauten
der Raum so unübersichtlich geworden, dass unmöglich ist den Überblick, die Kontrolle zu
behalten. Weiterlesen »

Die Autorin beschreibt gut, wie sich in Fragen der Empathie die Wege kreuzen. Die „Ehrenamtlichen und Behördenmitarbeiter“, ein „wohlhabender Handwerksmeister“, eine „alte Mutter“, die „Einheimischen, die Fremdenangst haben“, die „Neuankömmlinge“, aber auch „Politik und Medien“. Nur bewegen sie sich m. E. auf dem gleichen Feld und nicht in zwei durch ein „Nicht“ voneinander getrennten. Verschieden ist der Umgang mit Empathie, aufgrund der von Caroline Fetscher beschriebenen unterschiedlichen Erfahrungen, individueller wie politisch gesellschaftlicher Natur.

Diese Frage muss nicht einmal entschieden werden. Man sollte aber bedenken, dass mit der
Unterstellung fehlenden Mitgefühls eine (erneute? weitere?) Exklusion stattfindet. Darf man
erwarten, dass die mit ihrer angeblich „kalten Hundeschnauze“ hören wollen, dass
Empathievermögen durchaus im Erwachsenenalter nachreifen kann“ oder sie Gegenstand
demokratisch aufklärende[r] Sozialarbeit auf gesellschaftlicher Mikro- wie Makroebene“ werden
sollen? Ich wollte es an ihrer Stelle nicht.

Erfahrungen können wir nicht hinter uns lassen, es ist kein reset möglich, kein Zurücksetzen in den (gleichen) Auslieferungszustand, von dem aus wir alles neu betrachten. Bleibt man beim Bild der
Kreuzung, begegnen sich an dieser gegenwärtig Menschen oder Haltungen, dich sich, glaubt man
den Verlautbarungen vergangener Jahre, dort eigentlich niemals treffen dürften. Die Politik hat
vielen versprochen, dass die (raue) Wirklichkeit ihr Leben nicht mehr beeinträchtigen wird. (Daher
die Versuche des „Bleiben, wie es war“.) Die einen können von der Lage nicht irritiert sein, hielten
sie die Versprechungen immer für eine Chimäre, andere müssen sich eingestehen, (erneut?) einer
solchen gefolgt zu sein, nicht wenige erhalten das Gefühl, weiterhin unbedeutend zu sein (die
anderen hingegen eine Bereicherung). Warum sollten die beiden Letztgenannten ihr Gefühl mit
den Fremden teilen, die sie schmerzhaft mit der „Wahrheit“ konfrontieren.

(Empathie als Umgangsform mit den Flüchtlingen I )


Erstmals erschienen 07.11.2015 19:07 Uhr im Leserforum (User wp10)
Der Tagesspiegel ® 09.11.2015 Die unheimliche Not der anderen

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