Irgendetwas muss Architekt Stephan Braunfels richtig gemacht haben, wenn eine Gruppe junger
Frauen eines seiner Gebäude für wert befindet, als Hintergrund für ein Foto zu dienen, bei dem
die Frauen in einer Reihe aufgestellt auf Kommando hochspringen, um sich gemeinsam auf einem
Foto zu präsentieren. Keines dieser Selfies, möglicherweise noch mit Hilfe einer langen Stange, um
noch mehr aufs Bild zu bannen. Doch so schlimm auch wieder nicht, schließlich ist der
Selbstauslöser keine Erfindung dieser Tage. War der eher unpraktisch, weil häufig die passende
Auflage für den Apparat fehlte.

Es sollte nicht einfach „ein“ Foto werden, sondern ein gutes. Weshalb die Frauen nochmals und
nochmals die Szene wiederholten, um später sich für eines entscheiden zu können, vielleicht für
das, auf welchem das Licht am besten fällt, oder auf dem die lebendigsten Bewegungen zu sehen
sind, was auch immer mit dem Foto zum Ausdruck kommen soll. Vielleicht haben sie auch nur
gewartet, bis der passende Teil der Lichtinstallation Maurizio Nannuccis im Fenster des
Gebäudes gegenüber erscheint:

„Freiheit ist denkbar als Möglichkeit des Handels unter Gleichen / 
Gleichheit ist denkbar als Möglichkeit des Handels für die Freiheit“.

Dass es sich bei diesem Gebäude um das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Deutschen
Bundestags handelt, muss den Frauen in dem Augenblick nicht einmal bekannt gewesen sein.
Vielleicht sind sie aber schon vor ihrem Fototermin – ansonsten vielleicht danach – beim
Spaziergang am Ufer der Spree an einem Bauschild vorbeigekommen, dass die Erweiterung
beschreibt. Der Name des Gebäudes oder seine Funktion dürften mit Sicherheit den Wert des
Fotos nicht schmälern, im Gegenteil.

Als ich den Weg von der Marschallbrücke wieder hinunter zur Spree fuhr, blickte ich nochmals in
Richtung Reichstag. Und erneut sprangen die Frauen mit einem heftigen Satz, nicht ohne einen
auf dieser Seite nicht mehr verständlichen Ruf auszustoßen, in die Luft. Wie könnte man besser der
Toten an diesem Sonntag gedenken als mit einem Ausdruck solcher Freude am Leben.
Einen besseren Ort haben sie sich dafür wirklich nicht aussuchen können, in diesen Zeiten, am
Sonntag zwischen eins und halb zwei.


Erstmals veröffentlicht via twitter.com/WPietschke  23.11.2015  10:03:51

Die Krise autokratischer Männerbünde

Ob Frauenbünde eine bessere Welt zum Ergebnis hätten, bei „Bünden“ habe ich grundsätzlich
meine Zweifel, ist schwer belegbar. Manches wäre jedoch moderater, weniger exzessiv. Während
der Zeitgeist – calvinistisch-protestantisch durchdrungen – Exzessives für widermenschlich hält,
bedeutet es erst einmal nur, ein Maß zu überschreiten. Wo dieses endet (in einer Erfindung?),
steht zu Beginn noch gar nicht fest. Mit Moral allein dürfte es kaum einzuhegen sein. Um aber
nicht regelmäßig das Ganze zu bedrohen, braucht Exzessives einen Raum, eine Art
VirtualBox. Auch um zu entscheiden, ob das Neue eher als Gewinn oder mehr als Schaden
zu bewerten ist. Zu berücksichtigen ist unbedingt, das Einrichten der VirtualBox nicht ausschließlich
dem Systemadministrator zu überlassen. Schnell könnte es nämlich sein, dass diese aus dem
Gesamtsystem besteht. Dann hilft manchmal nur den Stecker ziehen und zusehen, ob nach dem
Neustart noch etwas zu retten ist. Weiterlesen »

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