Die Autorin beschreibt gut, wie sich in Fragen der Empathie die Wege kreuzen. Die „Ehrenamtlichen und Behördenmitarbeiter“, ein „wohlhabender Handwerksmeister“, eine „alte Mutter“, die „Einheimischen, die Fremdenangst haben“, die „Neuankömmlinge“, aber auch „Politik und Medien“. Nur bewegen sie sich m. E. auf dem gleichen Feld und nicht in zwei durch ein „Nicht“ voneinander getrennten. Verschieden ist der Umgang mit Empathie, aufgrund der von Caroline Fetscher beschriebenen unterschiedlichen Erfahrungen, individueller wie politisch gesellschaftlicher Natur.

Diese Frage muss nicht einmal entschieden werden. Man sollte aber bedenken, dass mit der
Unterstellung fehlenden Mitgefühls eine (erneute? weitere?) Exklusion stattfindet. Darf man
erwarten, dass die mit ihrer angeblich „kalten Hundeschnauze“ hören wollen, dass
Empathievermögen durchaus im Erwachsenenalter nachreifen kann“ oder sie Gegenstand
demokratisch aufklärende[r] Sozialarbeit auf gesellschaftlicher Mikro- wie Makroebene“ werden
sollen? Ich wollte es an ihrer Stelle nicht.

Erfahrungen können wir nicht hinter uns lassen, es ist kein reset möglich, kein Zurücksetzen in den (gleichen) Auslieferungszustand, von dem aus wir alles neu betrachten. Bleibt man beim Bild der
Kreuzung, begegnen sich an dieser gegenwärtig Menschen oder Haltungen, dich sich, glaubt man
den Verlautbarungen vergangener Jahre, dort eigentlich niemals treffen dürften. Die Politik hat
vielen versprochen, dass die (raue) Wirklichkeit ihr Leben nicht mehr beeinträchtigen wird. (Daher
die Versuche des „Bleiben, wie es war“.) Die einen können von der Lage nicht irritiert sein, hielten
sie die Versprechungen immer für eine Chimäre, andere müssen sich eingestehen, (erneut?) einer
solchen gefolgt zu sein, nicht wenige erhalten das Gefühl, weiterhin unbedeutend zu sein (die
anderen hingegen eine Bereicherung). Warum sollten die beiden Letztgenannten ihr Gefühl mit
den Fremden teilen, die sie schmerzhaft mit der „Wahrheit“ konfrontieren.

(Empathie als Umgangsform mit den Flüchtlingen I )


Erstmals erschienen 07.11.2015 19:07 Uhr im Leserforum (User wp10)
Der Tagesspiegel ® 09.11.2015 Die unheimliche Not der anderen

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