Dabei sind es, so mein Eindruck, nicht einmal die, für die sie hier das Wort ergreifen, die am lautesten, am vehementesten gegen die Neuankömmlinge wettern. Schließlich weiß man dort noch am ehesten, dass Platz in der kleinsten Hütte, dass einer mehr auch noch satt zu kriegen ist.

Hartleibig zeigen sich vornehmlich diejenigen, die in ihrem Neid, ein anderer könnte unverdient mehr als ein Kanten altes Brot („undankbar“) begehren. So wird aus diesen auch der „Wirtschaftsflüchtling“ (= zu Hause hat er ein Vermögen, hier will er schmarotzen), gegen den sowohl die bisherigen „wirklich Bedürftigen“ und diejenigen, die „ein Recht auf Schutz haben“ aufbegehren sollen. Damit an dieser Konstellation sich möglichst wenig ändert, schafft man Lager, die erst die Probleme schaffen, die in der Folge Anlass bieten zu sagen, man habe ja schon immer darauf hingewiesen. Und man hält möglichst viele (nicht bloß Fremde) davon fern, ihren Teil beitragen zu lassen, um mit Almosen deutlich zu machen, dass sie nicht dazugehören (sollen). Dass es sich um Gnadenakte handelt, die jederzeit geändert, widerrufen werden können. Hier hilft keine Empathie, sondern nur die Anstrengung, ihnen die Fahne aus der Hand zu winden, d. h. sie sowohl von der Macht fernzuhalten wie ihren Anspruch auf das Monopol zu begrenzen, für das „wahre Deutschland“ zu sprechen.

(Empathie als Umgangsform mit den Flüchtlingen III)


Erstmals erschienen 08.11.2015 18:05 Uhr im Leserforum (User wp10) Antwort auf username
Der Tagesspiegel ® 09.11.2015 Die unheimliche Not der anderen
username ist Platzhalter für den tatsächlichen Nutzernamen.
Die Verlinkungen im letzten Absatz sind in diesem Text nicht enthalten, nur markiert.

 

Richtig ist, es „muss Empathie in politisches Denken münden“ (username). Die Begründung, warum dies „unangenehm werden“ muss, wenn man „ein Verantwortungsethiker ist“, bleibt der Kommentar schuldig. Er behauptet implizit, dass die in der Gesellschaft geltende Beschränkung („Die eigene Freiheit endet dort, wo die anderer beeinträchtigt wird“) für Menschen, Staaten außerhalb nicht gelte, bzw. man dafür nicht zuständig sei. Die Verantwortung endet einfach an den „Außengrenzen der EU“. Die eigene Wirkung reicht jedoch deutlich über diese hinaus, so dass die eigene Freiheit darüber hinausreicht. Aber sollen die anderen zusehen, wie sie damit zurechtkommen, können sich ja „schützen“.

Im Gegensatz zur Ansicht vieler steht Politik nicht nur in der Verantwortung des eigenen Volkes, ist nicht bloß Vertreter „unserer Interessen“, sondern in der Pflicht, vielfältige Interessen zu beachten. Ausdruck erhält dies durch Verträge, die zu gegenseitiger Achtung verpflichten. Was Politik – und Wirtschaft – der vergangenen Jahre jedoch kennzeichnet, ist, Verantwortung bereits im Unterzeichnen solcher „papiernen“ Verpflichtungen erschöpft zu sehen, so dass aus diesen weder Anforderungen erwachsen, noch Verstöße erkannt werden.

Dass bei diesem „Vorbild“ das „Volk“ sich gestärkt sieht aufzufordern, damit gefälligst fortzufahren, kann nicht verwundern, gleich, ob dieses Tun auf vielen Feldern ihr Scheitern gerade vorführt. Offensichtlich ist, was längst nicht alle sehen wollen, dass „[…] man fair das teilt, was auf den Tisch kommt“ (username). Das ist keine Einladung „aller“ an unseren Tisch. Es ist die Aufforderung, dort, wo man kann (da wird Politik plötzlich ganz machtlos), dafür zu sorgen, dass alle dort ihren Anteil erhalten. Und erst, wenn alle am Tisch satt sind, man von einem „übrig“ reden kann, das sich verteilen lässt. Das „letzte Stück“ bekommt, wie wir wissen und schmunzelnd zur Kenntnis nehmen, sowieso immer der Gleiche. Und wir neiden es nicht.

(Empathie als Umgangsform mit den Flüchtlingen II)


Erstmals erschienen 08.11.2015 11:52 Uhr im Leserforum (User wp10)
Der Tagesspiegel ® 09.11.2015 Die unheimliche Not der anderen
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Die Autorin beschreibt gut, wie sich in Fragen der Empathie die Wege kreuzen. Die „Ehrenamtlichen und Behördenmitarbeiter“, ein „wohlhabender Handwerksmeister“, eine „alte Mutter“, die „Einheimischen, die Fremdenangst haben“, die „Neuankömmlinge“, aber auch „Politik und Medien“. Nur bewegen sie sich m. E. auf dem gleichen Feld und nicht in zwei durch ein „Nicht“ voneinander getrennten. Verschieden ist der Umgang mit Empathie, aufgrund der von Caroline Fetscher beschriebenen unterschiedlichen Erfahrungen, individueller wie politisch gesellschaftlicher Natur.

Diese Frage muss nicht einmal entschieden werden. Man sollte aber bedenken, dass mit der
Unterstellung fehlenden Mitgefühls eine (erneute? weitere?) Exklusion stattfindet. Darf man
erwarten, dass die mit ihrer angeblich „kalten Hundeschnauze“ hören wollen, dass
Empathievermögen durchaus im Erwachsenenalter nachreifen kann“ oder sie Gegenstand
demokratisch aufklärende[r] Sozialarbeit auf gesellschaftlicher Mikro- wie Makroebene“ werden
sollen? Ich wollte es an ihrer Stelle nicht.

Erfahrungen können wir nicht hinter uns lassen, es ist kein reset möglich, kein Zurücksetzen in den (gleichen) Auslieferungszustand, von dem aus wir alles neu betrachten. Bleibt man beim Bild der
Kreuzung, begegnen sich an dieser gegenwärtig Menschen oder Haltungen, dich sich, glaubt man
den Verlautbarungen vergangener Jahre, dort eigentlich niemals treffen dürften. Die Politik hat
vielen versprochen, dass die (raue) Wirklichkeit ihr Leben nicht mehr beeinträchtigen wird. (Daher
die Versuche des „Bleiben, wie es war“.) Die einen können von der Lage nicht irritiert sein, hielten
sie die Versprechungen immer für eine Chimäre, andere müssen sich eingestehen, (erneut?) einer
solchen gefolgt zu sein, nicht wenige erhalten das Gefühl, weiterhin unbedeutend zu sein (die
anderen hingegen eine Bereicherung). Warum sollten die beiden Letztgenannten ihr Gefühl mit
den Fremden teilen, die sie schmerzhaft mit der „Wahrheit“ konfrontieren.

(Empathie als Umgangsform mit den Flüchtlingen I )


Erstmals erschienen 07.11.2015 19:07 Uhr im Leserforum (User wp10)
Der Tagesspiegel ® 09.11.2015 Die unheimliche Not der anderen

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