00_TitelfotoDie Regelfetischisten kommen auf dem Tempelhofer Feld wieder ein Stück voran, folgt man einer Nachricht der Berliner Morgenpost. Dies findet mit Sicherheit Beifall – vor allem derjenigen, die noch nie ein Fuß auf das Feld gesetzt haben, bzw. ein einziges Mal, um festzustellen, dass diese Einöde bebaut gehört. 

Berlins Freiheit wird jedoch auf dem Tempelhofer Feld verteidigt – mit nur einer einzigen Regel.

Im Grunde kommt eine Gesellschaft mit nur einer einzigen Regel (sagen wir eineinhalb Regeln) aus, § 1 der Straßenverkehrsordnung sozusagen.

(1) Die Teilnahme [an der Gesellschaft] erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

(2) Wer an [der Gesellschaft]  teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

In diesen beiden, m. E. relativ gut verständlichen, Sätzen sind vollständig die einzig notwendigen Regeln einer Gesellschaft abgebildet. Es wird einerseits um Aufmerksamkeit ersucht, zum anderen konkretisiert, was es zu vermeiden gilt. Im Gegensatz zu dem, was unsere Regelfetischisten gerne unterstellen, ist offenkundig, dass Regeln nichts verhindern, beispielsweise Behinderung oder Belästigung. § 1 der StVO gemahnt, dass von den Mitgliedern der Gesellschaft Anstrengungen unternommen werden müssen, um diese zu vermeiden.

Auf dem Tempelhofer Feld wurden nun Beschränkungen für Kite-Surfer erlassen. Diese sollen sich nur noch in einem begrenzten Areal bewegen dürfen. Das ist sehr gut; es wird somit definitiv keine gefährlichen Begegnungen mehr zwischen Kite-Surfern und anderen Personen geben, etwa  Fahrradfahrern oder Fußgängern, weil diese sicherlich aus dem betroffenen Areal ausgesperrt werden. – Ach nicht?

Beschränkung für Kite-Surfer ist der Sündenfall auf dem Tempelhofer Feld

Bei der Festsetzung von Regeln gibt es so etwas Ähnliches wie den Sündenfall. D. h. den Punkt, an dem es kein Zurück zum Paradies mehr gibt. Dies ist nicht etwas schon unser § 1. Mit dem wird jeder daran erinnert, dass er sich (im Leben) umsichtig verhalten soll. Sondern es ist der – wie auch immer aussehende und was auch immer regelnde – Paragraph Zwei. Der meint – vermeintlich zum Zweck der Differenzierung – Konkretisierungen oder Einschränkungen vornehmen zu müssen. Sündenfall, weil jede Beschränkung Kontrolle erfordert, jede Kontrolle neue Regelungstatbestände vor Augen führt, die wiederum neue Regeln mit neuen Kontrollen zur Folge haben. Die Beschränkung für Kite-Surfer ist der Sündenfall auf dem Tempelhofer Feld. (Noch ist es eine Maßnahme, eine Vorstufe. Spätestens bis Ostern 2016 solle es jedoch ein „Konzept“ geben.) Während bislang an alle Besucher appelliert wird, sich umsichtig zu verhalten, soll es nun eine Eingrenzung geben, die den Eindruck vermittelt, an bestimmten Orten sei diese Umsicht nicht mehr erforderlich (weil es ja jetzt diese Regel gibt). Und was ist eine Regel ohne Kontrolle, selbstredend mit Sanktionen. Da geht unseren Regelfetischisten wahrlich das Herz auf, schließlich sind Regelfetischisten zumeist Kontroll- und noch mehr Sanktionsfetischisten.

Auf dem Tempelhofer Feld herrscht weitgehend ein entspanntes Miteinander, insbesondere auch zwischen der Aufsicht und Besuchern. (Warum die nicht per Fahrrad oder Elektromobil unterwegs sind – nun gut, man kann nicht alles haben. Geschenkt). Deren Aufgabe beschränkt sich auf das nach dem Rechten sehen, mal ein Hinweis hier, mal eine Unterstützung dort; es ist ein Sich-kümmern. Die Aufsicht ist Teil des freien Feldes. Werden jetzt jedoch Einschränkungen für Kite-Surfer eingeführt, wird die Aufsicht logischerweise zum Parkwächter („Rasen betreten verboten“). Sie soll und muss ihre „Macht“ zeigen, sicher mit in letzter Konsequenz Platzverweisen für möglicherweise uneinsichtige Kite-Surfer. Ich darf der Aufsicht bereits jetzt zu ihrer neuen Aufgabe gratulieren. Die Entspannung dürfte nämlich sehr schnell auch in anderen Bereichen schwinden.

Anlass für diese Änderungen war der Unfalltod eines Fahrradfahrers vor einigen Wochen. Der durch einen abstürzenden Kite-Schirm zu Fall kam und sich tödliche Verletzungen zuzog. Nur der guten Ordnung halber verweise ich auf Folgendes: Die Todesursachenstatistik des Jahres 2013 in Deutschland weist 21.930 Unfalltote aus,  932 Todesopfer durch Arbeitsunfälle (2013), 8.675 Todesopfer durch Unfälle im Hausbereich (2013), 2,29 Mio. Unfälle in der Freizeit (2013)  (Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin). Einige dieser Bereiche dürfen mit Sicherheit als „reguliert“ bezeichnet werden, d. h. es gibt dort eine Vielzahl von Regeln. Merkwürdig nur, dass dennoch so viele Tote zu beklagen sind.

Deutschland ist das „Land der Regulierung“

Deutschland ist das „Land der Regulierung“, hier herrschen die Regelfetischisten. Es hat mittlerweile solche Ausmaße angenommen, dass man nicht mehr aus der Tür treten kann, ohne nicht schon gegen 25 Vorschriften zu verstoßen. Eine nicht unerhebliche Zahl von Leuten hat dazu eine eindeutige Haltung eingenommen: „Leck mich“. Fälschlicherweise könnte man nun annehmen, dass wir damit wieder bei § 1 angekommen sind. Das ist nicht richtig. Wir sind damit im Zustand vor § 1 angekommen. Dieser Paragraph lebt von der Einsicht, dass wir uns alle um Umsicht und gegenseitige Rücksicht bemühen müssen und falls dennoch etwas schief geht, wir gemeinsam ausloten, wie wir damit umgehen, welche Konsequenzen gezogen werden müssen (Außer einer: neue Regeln festzusetzen). Wer sich an § 1 orientiert, erkennt die Gemeinschaft als Gemeinschaft an. Die Mitglieder der Leck-mich-Fraktion hingegen erkennen nichts außer der eigenen Haltung an. Weswegen der eine dieses, der andere jenes für richtig hält und jeder versucht, seine Sicht gegen andere durchzusetzen und es letztlich darauf hinausläuft, wer mehr Macht hat. Das heißt aber, einen Vor-Regel-Status, einen vor-gemeinschaftlichen Status (wieder) zu erreichen, in dem die eigene Haltung durch nichts in Frage gestellt wird, schon der Anspruch auf Begründung der eigenen Haltung zurückgewiesen wird.

Bislang gilt auf dem Tempelhofer Feld im Großen und Ganzen nur § 1. Sollte nun die Regel N° 2 auf dem Feld eingeführt werden, wird über kurz oder lang am bislang vorzüglichen Verhaltenskodex der Menschen dort die Axt angelegt; man wird sich allmählich der Leck-mich-Fraktion annähern. Was unsere Regelfetischisten zum Anlass nehmen dürften, weitere Regeln zu erlassen. Womit wir genau an dem Punkt sind, worum es tatsächlich geht. Vorzuführen, dass dieses Feld in dieser freien Form nichts taugt. Um Gelegenheit zu erhalten, endlich mit dieser Freiheit Schluss zu machen. Denn beim Tempelhofer Feld geht es nur um eine Frage – die Machtfrage, Diese Machtfrage soll wieder zu Gunsten derjenigen beantwortet werden, die es für „natürlich“ halten, dass sie bestimmen. (Auch Wahlen – erst recht Wahlen – ändern nichts). Vom Baum der Erkenntnis essen heißt in diesem Fall aber, das Paradies nicht zu verlassen. Berlins Freiheit wird auf dem Tempelhofer Feld verteidigt und zwar ohne Waffen. Das sollte allen „Liberalen“ bewusst sein.

Abschließende Hinweise:

  1. Zum „ersten“ Toten auf dem Tempelhofer Feld gibt es widersprüchliche Meldungen zur Frage der Ursache der Kollision. Die weit verbreitete, dass Kollision zu Sturz und Tod führte und die, dass die Kollision des Radfahrers mit dem Jogger erst erfolgte, nachdem er auf dem Rad kollabierte. Ein kleiner, aber mehr als bedeutsamer Unterschied.
  2. Natürlich kann man auch mehr als eine Regel in einer Gesellschaft aufstellen. Nur sollte es sich dabei um solche handeln, die die deutlich überwiegende Zustimmung aller erhalten. § 1 fordert im Grunde dazu auf, sich bei jedem Konflikt aufs Neue mit dem Konflikt selbst und seiner Lösung zu beschäftigen. Hat man aber eine spezielle Regel(ung) gefunden, lässt sich diese ohne weitere Diskussion durchsetzen. Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass sie dennoch permanent in Frage gestellt werden muss, weil es im Einzelfall beim Regelvollzug ungerecht zugehen kann. Man gewinnt also nicht wirklich viel durch eine spezielle Regelung. Weswegen eine Gesellschaft im Grunde mit nur einer Regel wie § 1 der StVO auskommen kann.
  3. Habe ich jemals auf so einem Kiteboard auch nur gestanden? Never ever.

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