Fortsetzung von Die erste Reihe oder das Aufleuchten eines Aspekts

Was Johan Schloemann hier als Gebet kritisiert, ist in erster Linie eine Fürbitte. Ob gläubig oder nicht, ist diese die Anrufung einer „höheren Macht“, (hier) die Notleidenden bitte nicht zu vergessen, damit sie nicht alle Hoffnung fahren lassen, bis irdische Hilfe naht. Da fährt Schloemann schon schweres Geschütz auf. Ein Mann des Geistes, wie ich annehme, der vor allem an diese Kraft glauben sollte und weniger an die Macht der Gewehre. Ob Fürbitte oder Gebet, es ist gleichgültig, kommt es doch vor allem auf das Gemeinte an.

Schloemann hätte diesem „unerträglichen Übergriff“ ganz leicht entkommen können. Es hat jedem frei gestanden, in diesem Augenblick an Omas Beerdigung, die vergangene göttliche Nacht in den Kissen des nahen Frankfurter Hotels zu denken, oder sich darauf einzulassen, dem Wunsch zu folgen, an die Drangsalierten Syriens zu denken, unter Verzicht auf den nur Kermani persönlich (!) geltenden Beifall.

In dem Augenblick, in dem Kermani seine Freiheit(en) in Anspruch nehmen will, wird ihm bedeutet, er habe dafür gefälligst in den Keller (Kerker) zu gehen. Man könne es nicht ertragen, diesen Ort entweiht zu sehen. Als ob er sich wie eine Femen-Aktivistin verhielte, die im Kölner Dom mit nackter Brust auf dem Altar tanzte (was kein Frevel, sondern unangemessenes Verhalten ist). Wo ist der Unterschied zur Verurteilung von Pussy Riot in Putins Reich? Es gibt zwar Rechte, aber man darf sie nicht in Anspruch nehmen. Es bestimmt darüber heute hier der eine, morgen dort jemand anderes. Wir dürfen uns glücklich schätzen, überhaupt noch am Leben zu sein.

Die Frage stellt sich vielmehr, ob die inkriminierte Handlung eine Bedrohung oder eine Bestärkung der Rechte darstellt. Erst dann lässt sich entscheiden, ob sie angemessen oder unangemessen ist, ob sie in Anspruch nehmen kann, wofür sie behauptet, sich auszugeben. Das kann Kermanis Handlung sehr wohl, weil sie jedem freistellt, ob man ihr folgt, hingegen nimmt Schloemann für sich in Anspruch zu entscheiden, jemanden in den Keller zu stecken, weil er nicht artig war. Weil er den Ort „entweiht“ habe. Das ist im einfachsten Fall spießig, im schwerwiegendsten Fall genau die Kermani übergeholfene „Beschwörung der politischen Theologie“, die er braucht, um den Ort zu einem heiligen zu machen. Aus dem wir mindestens vertrieben werden müssen, um diesen sakralen Ort wieder zu reinigen. Schloemann muss diesen zur Kultstätte erklären, um eine Entweihung erkennen zu können. Vielleicht ist das ja die Universalität der Menschenrechte, nach der die DDR ein Rechtsstaat war, in der sich Staaten wie Saudi-Arabien, Russland, China oder andere sicher problemlos wiederfinden können.

Leider habe ich nur die Antworten von Michael Jäger („Wünschen, hoffen, beten“, Der Freitag, 21.10.2015) und Markus Gehling („Von unerträglichen und übergriffigen Gebeten“, www.kath.net, 26.10.2015) wahrgenommen, die diese Kritik zu Recht zurückgewiesen hatten.

Das einzige was man Schloemann bei allerbestem Willen zugestehen mag, ist, dass er sich über die Ritualisierung erregte, die solche Veranstaltungen begleiten, die er mit seinem Aufschrei durchbrechen will, weil alle alles so toll fanden. Nur, warum wählt er genau denjenigen, der dieses Ritual selbst durchbricht? Warum sagt er nicht einfach, dass er die Geste affig findet? (Kann man.) Warum meint er, mehr von Glauben und Religiosität verstehen zu wollen als die Gläubigen? Warum meint er, die Geste (zer)stören zu müssen, die das Signal aussendet, dass ein paar wenige an die Eingekerkerten denken? Warum besorgt er das Geschäft des IS?

Fortsetzung 2.2. Die Entweihung der Nachrichten


Erstmals veröffentlicht via twitter.com/WPietschke 27.11.2015  19:02:34

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