Es ist ein zentraler Grund: Mit Helmut Schmidt beginnt die Entfernung des Bürgers aus der Politik.
Schmidt folgte der Auffassung, wonach der normale Bürger nicht in der Lage ist, die Komplexität
der Realität zu durchdringen. Politisches Handeln muss den (politischen) Experten vorbehalten
bleiben, nur sie können sachgerecht entscheiden. Diese Haltung prägte auch die Politik der Kohl-
Jahre und bestimmt bis heute die Einstellung weiter Kreise. Seine Vorbehalte gegen die
aufkommenden Grünen waren weniger dem Thema Ökologie geschuldet, sondern vor allem der
Tatsache, dass Hinz und Kunz plötzlich in Atomfragen (!) mitreden wollten, ein Thema von
internationaler Tragweite (Mitreden – Hundesteuer: ja, Atom: nein).

Wen Helmut Schmidt als kompetent in einer Angelegenheit sah, ist leicht zu beantworten: die seine
Ansicht teilten. Auch nach seiner Kanzlerschaft hat er seine Rolle vornehmlich im „besser wissen“
gesehen, erklärt hat er vor allem seine Sicht von Deutschland und der Welt.

Zudem ist eine zentrale Entscheidung mehr als kritisch zu betrachten, sie entspringt einem
ähnlichen Verständnis wie eingangs: die Entscheidung, Hanns Martin Schleyer nicht gegen
Terroristen auszutauschen, sondern aus Gründen der Staatsraison dem ziemlich sicheren Tod
auszuliefern. Salopp gesprochen, das muss man erst einmal bringen können. Das war auch das
Soldatische an Schmidt, „hilfreich“ im damaligen deutschen Krieg gegen den Terror. Es war jedoch
kein Krieg, man hat sich aber so verhalten. Unsere Demokratie besteht in dem Versprechen, jeden
Einzelnen unterschiedslos zu achten. Schmidts Haltung war hingegen, einen einzelnen Bürger
geringer als den Staat zu schätzen. Das entspricht nicht dem Geist unserer Verfassung.

Man kann den bedeutenden Politiker Helmut Schmidt würdigen, dass er über Grundsätze verfügte,
die er nicht „flexibel“ dehnte (wie Strauß), und Politik auch theoretisch zu fassen versuchte. Als
Vorbild taugt er jedoch nicht (im Gegensatz etwa zu Richard von Weizsäcker).


Erstmals erschienen 11.11.2015 08:55 Uhr im Leserforum (User wp10)
Der Tagesspiegel ® 11.11.2015 Helmut Schmidt – eine unverwechselbare Erscheinung

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